Antidiskriminierung in bewegten Zeiten - Mitgliederversammlung des advds 2026
Bürokratieabbau als politisches Narrativ: Wenn Deregulierung zum Hebel gegen Menschenrechte und Zivilgesellschaft wird – welche Gegen-Narrative brauchen wir?
Mit dieser Frage beschäftigten sich die Mitglieder des Antidiskriminierungsverbandes Deutschland (advd) auf ihrer diesjährigen Mitgliederversammlung.
Die Diskussionen machten deutlich: Antidiskriminierungsarbeit steht unter Druck. Gleichzeitig wächst ihre Bedeutung. Angesichts einer politischen Debatte, in der Diskriminierungsschutz immer häufiger als Hindernis statt als Errungenschaft dargestellt werden, braucht es Widerspruch.
Wenn Diskriminierungsschutz zum „Bürokratieproblem“ erklärt wird
Die Erzählung ist erfolgreich, weil sie an ein weit verbreitetes Gefühl anknüpft: Kaum jemand fordert mehr Bürokratie, viele Menschen beklagen komplizierte Verfahren und langwierige Prozesse. Doch die Diskussion auf der Mitgliederversammlung machte deutlich, dass hinter dem Schlagwort „Bürokratieabbau“ häufig weit mehr steckt als die Vereinfachung von Verwaltungsabläufen. Immer häufiger geraten Schutzmechanismen und Instrumente zur Durchsetzung von Gleichbehandlung ins Visier. Nicht zuletzt ist das bei den Reformvorhaben zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, zum Behindertengleichstellungsgesetz und der Diskussion um Einführung von Landesantidiskriminierungsgesetzen zu beobachten. Was als Abbau von Bürokratie bezeichnet wird, verhindert notwendige Reformen von Antidiskriminierungsrecht.
Inklusion geht uns alle an
Einen wichtigen Impuls setzte der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen Jürgen Dusel. Er machte deutlich, dass Inklusion keine Angelegenheit einzelner gesellschaftlicher Gruppen ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Rund 13 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung. Nur ein kleiner Teil von ihnen wurde bereits mit einer Behinderung geboren. Die große Mehrheit erwirbt sie im Laufe ihres Lebens. Inklusion ist deshalb kein „Sonderinteresse“ von Minderheiten, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Barrierefreiheit und inklusive Strukturen schaffen nicht nur bessere Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderungen. Sie stärken eine Gesellschaft, die allen Menschen offensteht und in der niemand ausgeschlossen wird. Andere Länder machen es uns vor und zeigen, wie rückständig Deutschland in Sachen Inklusion ist.
Austausch über aktuelle Herausforderungen der Antidiskriminierungsarbeit
Gemeinsam mit Danijel Cubelic, Leiter des Amtes für Chancengleichheit der Stadt Heidelberg und Sprecher des Netzwerks der kommunalen Antidiskriminierungsstellen, diskutierten wir aktuelle Entwicklungen in der Beratungs- und Antidiskriminierungs-arbeit. Sowohl zivilgesellschaftliche Beratungsstellen als auch kommunale Antidiskriminierungsstellen erleben eine zunehmende Infragestellung der Notwendigkeit von Antidiskriminierungsarbeit. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte geraten entsprechende Angebote verstärkt unter Legitimations- und Finanzierungsdruck. Hinzu kommt, dass Antidiskriminierung bislang keine kommunale Pflichtaufgabe ist und ihre Bedeutung deshalb immer wieder neu begründet werden muss.
Dabei ist Antidiskriminierungsarbeit ist in erster Linie Menschenrechtsarbeit. Sie setzt sich für die Verwirklichung von Grundrechten im Alltag ein, macht strukturelle Benachteiligungen sichtbar und stärkt die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen. Sie leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung demokratischer Strukturen. Gleichzeitig wurde diskutiert, dass Antidiskriminierung nicht nur eine Frage von Menschenrechten, sondern auch ein wichtiger Standortfaktor für Kommunen ist. Städte und Gemeinden stehen zunehmend im Wettbewerb um Fachkräfte, Unternehmen und Einwohner*innen. Eine offene und diskriminierungssensible Kommune erhöht ihre Attraktivität, stärkt ihre Zukunftsfähigkeit und schafft bessere Voraussetzungen für wirtschaftliche Entwicklung, Innovation und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Und ja, Antidiskriminierungsarbeit verursacht Kosten – Diskriminierung verursacht jedoch deutlich höhere gesellschaftliche und wirtschaftliche Kosten. Sie verhindert, dass Menschen ihre Potenziale entfalten können, verschärft den Fachkräftemangel und belastet Unternehmen sowie den Sozialstaat. Zugleich untergräbt sie das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaat. Im Anschluss wurde diese Argumentation jedoch bewusst kritisch hinterfragt. Denn wenn Antidiskriminierung vor allem mit ihrem wirtschaftlichen Nutzen begründet wird, besteht die Gefahr, dass ihre Legitimation von Kosten-Nutzen-Abwägungen abhängig gemacht wird. Der Einsatz gegen Diskriminierung ist jedoch kein Instrument zur Effizienzsteigerung, sondern gründet auf Menschenrechten und dem Anspruch auf gleiche Würde und gleiche Rechte. Ökonomische Vorteile mögen ein zusätzlicher Effekt sein – sie sind aber nicht die Begründung dafür, warum Antidiskriminierungsarbeit unverzichtbar ist.
Weiterentwicklung der Beratungsstandards
Neben den politischen Diskussionen beschäftigte sich die Mitgliederversammlung intensiv mit der Weiterentwicklung der Beratungsstandards des advd. Die Mitglieder diskutierten die Ergebnisse der bisherigen Fokusgruppen und tauschten sich über Anforderungen, Herausforderungen und Perspektiven für die zukünftige Ausgestaltung der Standards aus. Ziel bleibt es, die Qualität der Antidiskriminierungsberatung weiter zu stärken und auf aktuelle Entwicklungen sowie neue Bedarfe in der Praxis zu reagieren. Die Beratungsstandards bilden seit vielen Jahren eine wichtige Grundlage für qualifizierte, unabhängige und parteiliche Antidiskriminierungsberatung in Deutschland. Ihre Weiterentwicklung ist daher ein zentraler Baustein für die zukünftige Arbeit des Verbandes.
Solidarität mit Sachsen-Anhalt
Ein besonderer Moment war die Solidaritätsbekundung für die Kolleg*innen aus Sachsen-Anhalt angesichts der politischen Entwicklungen und der bevorstehenden Landtagswahl. Viele Menschen, die von Rassismus betroffen sind, viele queere Menschen, Menschen mit Behinderungen und zivilgesellschaftlich Engagierte wie unsere Kolleg*innen von LAMSA e.V. erleben die aktuelle Situation als zunehmend belastend und bedrohlich. Einigkeit bestand darüber, dass Solidarität mehr bedeutet als Worte. Sie erfordert konkrete Unterstützung und die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen – insbesondere dann, wenn demokratische und menschenrechtliche Standards unter Druck geraten.
Solidarität mit Betroffenen von Antimuslimischen Rassismus
Anlässlich der CLAIM Aktionswochen gegen Antimuslimischen Rassismus haben wir uns mit einer Videoaktion solidarisch mit Betroffenen erklärt und unterstützen die Kampagne #EinTeilVonDir. Dass Antimuslimischer Rassismus keine Randerscheinung ist und welche Folgen er hat, zeigt sich auch in der Beratungspraxis unserer Mitglieder: Antimuslimischer Rassismus gehört laut unseren Lagebildern zu den am häufigsten gemeldeten Diskriminierungen.
Begrüßungen und Verabschiedungen
Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung konnten wir vier neue Mitglieder willkommen heißen:
ADB Mannheim e.V.
Kurdische Gemeinschaft Thein-Sieg/Bonn e.V.
Landesverband Deutscher Sinti und Roma Bayern
Netzwerk Diskriminierungsfreies Rheinland-Pfalz NdRLP e.V.
Ein besonderer Moment der Mitgliederversammlung war die Verabschiedung von drei langjährigen Mitstreiter*innen: Mamad Mohamad von LAMSA e.V. verlässt den Vorstand des advd, um sich neuen politischen Aufgaben zu widmen. Wir danken ihm herzlich für seine langjährige Unterstützung beim Wachsen und Gestalten des Verbandes und seine Zuversicht in schwierigen Zeiten, die uns immer ermutigt hat. Für seinen weiteren Weg wünschen wir ihm viel Erfolg.
Ebenso verabschiedeten wir Andreas Foitzik von adis e.V. aus der Steuerungsgruppe und zuvor Vorstand und danken ihm für sein tatkräftigtes Engagement und seiner stets integrativen Kraft, die zur Gestaltung der einer partizipativen Verbandskultur maßgeblich beigetragen hat.
Und auch für Nuran Yiğit von KiDS e.V, ehemals Vorstand und Gründungsmitglied, war es die letzte Mitgliederversammlung. Auch ihr gilt unser aller Dank für 19 Jahre im advd. Sie war beteiligt bei der Entwicklung der Beratungsstandards und hat den Verband als Vorständin und in Fachbeiräten mit ihrer Kompetenz immer bereichert.
Antidiskriminierung bleibt eine demokratische Kernaufgabe
Die Mitgliederversammlung hat deutlich gemacht: Antidiskriminierung ist unverhandelbar – gerade in Zeiten zunehmender rechtspopulistischer und ausgrenzender Tendenzen. Gleichzeitig gilt es, sich gegen Narrative zu stellen, die Antidiskriminierungsarbeit als zusätzliche Belastung oder vermeintlichen „Bürokratieaufbau“ darstellen. Solche Verkürzungen verkennen, dass Diskriminierungsschutz eine zentrale Voraussetzung für demokratische Teilhabe und Chancengleichheit ist. Umso wichtiger sind starke Strukturen, eine klare politische Haltung und solidarische Netzwerke, die gemeinsam für eine offene und gerechte Gesellschaft einstehen. Der Antidiskriminierungsverband Deutschland (advd) und seine Mitgliedsorganisationen werden sich auch weiterhin dafür einsetzen, dass Diskriminierungsschutz gestärkt und nicht geschwächt wird.